Der Plural von Status

Der Begriff „Status“ gehört zu jenen Fremdwörtern, die aus der deutschen Sprache nicht wegzudenken sind. Wir sprechen ganz selbstverständlich vom „Status“ einer Person und meinen damit ihren Rang oder ihre Stellung innerhalb einer Gemeinschaft. Statussymbole sind es, die diesen Rang sichtbar machen. Von „Status“ sprechen wir auch, wenn der Zustand einer Person oder Sache oder eine juristische Einordnung gemeint sind. Worte wie „Flüchtlings-Status“ oder „Asylbewerber-Status sind zurzeit in aller Munde. Auffällig ist, dass der Begriff fast ausschließlich im Singular verwendet wird. Fast drängt sich die Frage auf, ob das Wort überhaupt einen Plural hat.

Die Stati – Mehrzahl oder unzulässige Wortschöpfung?

„Status“ kommt, wie man an seiner Endung auf -us unschwer erkennt, aus dem Lateinischen. Und folgt im Lateinischen dem Singular auf -us nicht stets der Plural auf -i? Der Bonus, die Boni (also eine oder viele Wohltaten, die verdiente oder weniger verdiente Manager für das erhalten, was als Erfolg definiert wird) – dieses Wortpaar hat sich so in unser Gedächtnis eingegraben, dass andere Singular-/Pluralvarianten kaum vorstellbar erscheinen. Aber „Stati“ klingt trotzdem irgendwie komisch. Das „innere Ohr“ sagt uns, dass hier etwas nicht stimmen kann.

Ein bisschen lateinische Grammatik

Um den Dingen auf den Grund zu gehen, muss man ein wenig tiefer einsteigen in die lateinische Grammatik. Dabei beantwortet sich ganz von selbst auch die Frage, wozu man heute noch Latein braucht. Denn offenbar operieren wir sehr selbstverständlich mit lateinischen Begriffen, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Das Lateinische kennt 7 Fälle (Kasus, nicht etwa Kasi), das sind 3 mehr als im Deutschen, und 5 Beugungen (also Deklinationen). Die Deklinationen werden von 1 bis 5 durchnummeriert, oder – je nach dem sog. Stammauslaut – z.B. auch als a-, o- oder u-Deklination bezeichnet. Die meisten maskulinen, also männlichen Substantive gehören entweder zur 2. Deklination = o-Deklination oder zur 4. Deklination = u-Deklination.

Kategorien der Deklination sind das Geschlecht (männlich = Maskulinum, weiblich = Femininum, sächlich = Neutrum), die Zahl (Einzahl = Singular, Mehrzahl = Plural) und der Fall (Nominativ = Wer-Fall, Genitiv = Wes-Fall, Dativ = Wem-Fall, Akkusativ = Wen-Fall, und im Lateinischen noch Ablativ – von Schülern scherzhaft als „Durch-Fall“ bezeichnet, Lokativ = Wo-Fall und Vokativ = Anrede).

Substantive der o-Deklination bilden den Plural mit -i (wie z.B. dominus, domini – der Herr, die Herren oder populus, populi – das Volk, die Völker). Substantive der u-Deklination dagegen bilden den Plural mit -us (wie z.B. portus, portus – der Hafen, die Häfen oder casus, casus – der Fall, die Fälle oder eben unser Untersuchungsobjekt „Status“).

Wo Beugungen schwer voneinander zu unterscheiden waren, behalfen sich die alten Lateiner häufig mit der Aussprache. So wurde das „u“ bei der Mehrzahl von „Status“ (oder von lapsus – der/die Fehler oder von usus – der Brauch, die Bräuche) lang ausgesprochen wie in dem deutschen Wort „Mus“. Auch in alten deutschen Wörterbüchern finden sich noch entsprechende Hinweise zur Aussprache, etwa ein Querstrich über dem Mehrzahl-U. Außer in Kreisen von Gelehrten und Altphilologen wird man eine solche Aussprache bei uns allerdings nicht mehr finden.

Was ist eigentlich mit Statusse?

„Status, Statusse“ – das klingt wie „Krokus, Krokusse“, also irgendwie vertraut.

Und tatsächlich gibt es alte Wörterbücher (darunter die 10. bis 13. Auflage des Duden, 1929 bis 1947), in denen der Begriff „Statusse“ als mögliche Mehrzahl-Form genannt ist. Auch das Wort „Sinusse“, statt „Sinus“ als Plural von „Sinus“ taucht gelegentlich auf.

Zum Schluss stellen sich noch einige eher philosophische Fragen. Nämlich die, ob auch der Status quo, also der gegenwärtige Zustand, oder der Status nascendi, der Zustand chemischer Stoffe im Augenblick ihres Entstehens, in der Mehrzahl-Form denkbar sind. Der Duden und Wikipedia verneinen dies. Aber wenn ein Politiker seinen Status quo schützen will, warum sollten dann nicht mehrere Politiker ihre Statusse quo(s) verteidigen dürfen oder sogar müssen?

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